Holocaust-Überlebende Erna de Vries spricht vor Schülern und Schülerinnen der OBS

Das Fallen der sprichwörtlichen Nadel wäre am Montag beim Vortrag von Erna de Vries vor rund 200 Schülerinnen und Schülern der Schüttorfer Oberschule sicherlich zu hören gewesen. Erna de Vries dürfte eine der letzten Überlebenden des Holocaust sein und berichtete aus ihrem Leben in der Zeit des Nationalsozialismus.

Foto: ©Albrecht Dennemann
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Die im emsländischen Lathen wohnende 93jährige de Vries hört zwar nicht mehr so gut, doch spricht sie mit einem enormen Tempo, sodass ihre Lebensgeschichte zwischen 1933 und 1945 nie an Dynamik verlor. Wie auch? War es doch der „blanke Horror“. Im wesentlichen setzten ihre Erzählungen im Jahre 1938 ein als sie 15 Jahre alt war – also im gleichen Alter wie das Gros ihrer Zuhörer.

Neben den Schülerinnen und Schülern waren aber auch noch ein paar weitere Gäste gekommen, wie der Aktionskreis „Stolpersteine“. Nach dem das Denkmal für die ehemaligen jüdischen Bürger Schüttorfs vor ein paar Jahren errichtet wurde, soll nun auch in Schüttorf vor den Häusern in denen sie gewohnt haben, mit diesen „Stolpersteinen“ an sie erinnert werden.
Vorbereitet waren die Schüler durch den Geschichtsunterricht, doch das ist mitunter weit weg und wird mit Distanz betrachtet. Richtig nah brachte Erna de Vries den Schülern das Grauen der Zeit. Zunächst hier ein paar Einschränkungen und da ein paar üble Worte. Langsam steigerte sich die Aggressivität der Deutschen gegen ihre jüdischen Mitbürger. Es wurde vor ihnen als Geste der absoluten Geringschätzung ausgespuckt. Dann durfte keine normale Schule mehr besucht werden. Berufsverbote und viele weitere willkürlichen Maßnahmen. Geschichten aus einer anderen Zeit? Vielleicht auch nicht, wenn man sich die Bilder vom durch AfD- und Pegida-Rednern angeheizten Mob vor Augen führt. Parallelen? Ganz sicher. „Schlimmer wird es wohl nicht werden“, haben viele Deutsche, aber auch Deutsche jüdischen Glaubens gedacht. Und es kam schlimmer. Da Erna de Vries bei ihrer Mutter bleiben wollte, ließ sich ebenfalls nach Auschwitz deportieren, obwohl sie wusste, was sie dort erwartete. Da ihr Vater evangelisch war, hätte sie als „Halbjüdin“ eine reelle Chance gehabt dem absoluten Grauen, dem größten Verbrechen der jüngeren Menschheitsgeschichte im Land der Dichter und Denker zu entgehen. Von denen die zuvor deportiert wurden hatte sie nie wieder etwas gehört und durch das hören der BBC-Sendungen auf deutsch, kannte sie die Berichte über das, was in Auschwitz mit den Menschen passierte. „Wir haben davon nichts gewusst“, wird somit als Schutzbehauptung entlarvt, obschon die freundliche alte Dame dies möglicherweise so nie sagen würde. Keine Vorwürfe.

Foto: ©Albrecht Dennemann
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Von Ihrem Geburtsort Kaiserlautern verschlug es sie zwischenzeitlich nach Köln und wieder zurück in die Heimatstadt, bevor sie mit ihrer Mutter deportiert wurde. Kein Schulabschluss und auch keine Berufsausbildung waren die Folge. In Auschwitz wurde sie von ihrer Mutter getrennt, die dann auch bald nach ihrem Abtransport „verstarb“. Da die Industrie für die Rüstung Arbeitskräfte brauchte kam sie in ein Lager nach Ravensbrück, um für Siemens Telefone und Mikrophone zusammenzusetzen. „Nicht alles verließ das Werk in einwandfreiem Zustand. Da gab es auch Sabotage“, so de Vries.
Das Kriegsende erlebte sie in Mecklenburg, von wo sie beim Rückzug der Engländer mit in den Westen gelangte. Dort lernte sie ihren aus dem emsländischen Lathen stammenden Mann kennen. Auch er hatte diverse Lager überlebt. „70 Jahre wurden mir geschenkt“, sieht sie ihr Leben rückblickend positiv – auch ohne Beruf. Drei Kinder und sechs goldige Enkelkinder – „… na ja so goldig nun auch nicht mehr, denn der jüngste ist auch schon 40“, fügt sie augenzwinkernd an.

Foto: ©Albrecht Dennemann
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Harter Stoff für die Schüler, war es doch Wirklichkeit und keine Hollywood-Story. Leicht geplättet kam die Fragerunde nur zögerlich in Gang. „Warum sollte ich? Die Narbe hätte mich auch daran erinnert“, gab sie zur Antwort auf die Frage warum sie die in den Arm eintätowierte Häftlingsnummer nicht hat entfernen lassen. Gebetet habe sie eigentlich nicht, da sie areligiös erzogen worden sei. Erst seit der Zeit glaube sie tief und fest. Dokumentationen zum Nationalsozialismus schaue sie sich nicht an, da sie mit ihrer eigenen Geschichte genug zu tun habe. „Gab es Menschlichkeit unter den Wachmannschaften“, wollte ein Schüler wissen. „Das kann ich gar nicht sagen, da ich mit den Wachmannschaften eigentlich nie in Kontakt gekommen bin“, antwortete sie überraschend. Doch immer wieder hatten ihr Menschen geholfen. Nachbarn, Bekannte, aber auch vollkommen Fremde. Möglicherweise ist das der Grund für ihr offenes und lebensbejahendes Wesen. „Mitmenschlichkeit – ein Mensch ist ein Mensch“, lautet denn auch ihr Credo.
Stehender Applaus aus Respekt und Betroffenheit, aber auch für einen freien Vortrag der es in sich hatte. Von den Schülern bekam sie selbstgebastelte Sonnenblumen und eine künstlerische Sonnenblume für den Garten, denn ein Schlüsselerlebnis erzählt sie immer wieder. Sie wollte noch einmal die Sonne sehen und da tauchte sie Hoffnung und Lebensmut spendend hinter den Wolken auf.

Quelle: Albrecht Dennemann

 

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