Holocaustüberlebende Esther Bejarano beeindruckt Schüttorfer Oberschüler

Zeitzeugin Esther Bejarano, Zirkusgruppe „CiNS“ und die „Microphone Mafia“ beeindruckten Schüler und Erwachsene in Schüttorf tief.

Ein Tag gegen die Fremdenfeindlichkeit hat die Schüttorfer Oberschule erlebt. Holocaustüberlebende Esther Bejarano, Zirkusgruppe „CiNS“ und die Gruppe „Microphone Mafia“ schafften eine Verbindung zwischen den Gräuel der NS-Zeit und der Gegenwart.

Ein Tag gegen das Vergessen. Ein Tag gegen das Schweigen. Es war für Schüttorf ein besonderer Tag. Vor allem wohl für die Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen der Oberschule. Den Stoff ihres Geschichtsunterrichts – nationalsozialistische Herrschaft – brachten Zeitzeugen in einen lebendigen Zusammenhang mit dem Hier und Heute. Nach Erna de Vries kam mit der 94-jährigen Esther Bejarano erneut eine Holocaust-Überlebende nach Schüttorf. Im Jugendzentrum „Komplex“ las sie am Abend aus ihren Erinnerungen an die Schreckenszeit in den Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück und stand dann mit der Kölner Rap-Gruppe „Microphone-Mafia“ als Sängerin auf der Bühne. Für die Schüler begann der Tag im Theater der Obergrafschaft mit einer Zirkusvorstellung. Die Gruppe „CiNS“ (Circus im Nationalsozialismus) zeigte ihr Stück „Circus.Freiheit.Gleichschaltung.“ über das Leben der verfolgten jüdischen Artistin Irene Bento. Roxana Küwen, Michael Richter, Waldo Bleeker, Jonas Ellermann, Ines Rosemann und Luisa Wruck kontrastierten in ihrer szenischen Lesung Akrobatik und Jonglage mit der Leidensgeschichte Irene Bentos, die die Verfolgung nur überleben konnte, weil die Zirkusfamilie Althoff sie samt Mann und Kindern in ihren Zirkuswagen versteckte. Originalzitate aus den Verordnungen und Erlassen des Naziregimes machten den Wahnsinn der Herabwürdigung jüdischer Menschen auch in der Zirkuswelt deutlich: Verboten war die „Teilnahme von Juden an Darbietungen der deutschen Kultur“, das Auftreten von „Negern, Negermischlingen, Zwergen und Krüppeln“ sowie die Verwendung „artfremder Kostüme“.   Betroffen reagierten die Schüler, als Roxana Küwen, am Trapez hängend, die grausamen Umstände einer Kaiserschnittgeburt schilderte, die Irene Bento aufgrund der Gehässigkeit nazitreuer Mediziner durchstehen musste. Als dann der Kölner Rapper Kutlu (Yurtseven) das Mikrofon ergriff, sprach der in Deutschland geborene Sohn türkischer Eltern die Jugendlichen auf ihre unterschiedliche Herkunft an: „Wo kommen deine Eltern her?“ Antworten: „Aus Albanien.“ „Aus Russland.“ „Aus Syrien.“ „Aus der Türkei.“ „Aus Deutschland.“ Kutlu: „Bist du stolz darauf, Albanier, Russe, Syrer … Deutscher zu sein?“ „Ja“, antworteten alle. Keiner aber hatte erwartet, was Kutlu nun sagte: „Ihr seid alle auf etwas stolz, für das ihr nichts getan habt.“ Nicht auf die Nationalität komme es an, sondern auf Menschlichkeit, auf Mitgefühl, auf Zusammenstehen. „Ihr braucht euch eurer Herkunft nicht zu schämen. Aber ihr sollt wissen, dass Heimat nicht ein Land, sondern ein Gefühl ist. Was in der Vergangenheit Schreckliches geschehen ist, ob bei den Nazis, ob in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Solingen oder in der Kölner Kolbstraße, wo ich gewohnt habe, als die Nagelbombe des NSU explodierte – ihr seid dafür nicht verantwortlich. Aber ihr seid dafür verantwortlich, was heute geschieht. In eurem Alltag, in der Schule, in sozialen Netzwerken.“ Kutlu Yurtseven sparte in Bezug auf den „Nationalsozialistischen Untergrund“ nicht mit Kritik am Behördenversagen, an der Täter-Opfer-Umkehr und am jüngst gefällten Gerichtsurteil. Gegen Rassismus und rechten Terror reichten Lichterketten und Politikerstatements nicht aus. „Das Schweigen“, rief er den jungen Leuten zu, „ist das größte Problem.“ Alle Aufrechten müssten sich endlich zu Wort melden. Diese Impulse nahmen die Schüler mit in Workshop-Gruppen, wo sie Videoclips zur Vision einer Schule von morgen und „Rap-Texte mit Power“ erarbeiteten. Nur wenige Schüler fanden dann noch die Kraft für die Abendveranstaltung. Auch so war der „Komplex“-Saal gefüllt. Das Publikum ließ sich berühren von Esther Bejaranos Lesung. Der damals 18-Jährigen rettete die Musik das Leben. Als Mitglied des Mädchenorchesters von Auschwitz kam sie vom todbringenden Steineschleppen frei. Als Überlebende stand die kleine Dame nun mit den „Micro-Mafiosi“ Kutlu Yurtseven, Rosario Peunino und ihrem Sohn Joram Bejarano auf der Bühne und sang deutsche und jiddische Lieder. Der Schlager „Du hast Glück bei den Frau‘n“, mit dem sie sich für das Mädchenorchester qualifizierte, fehlte ebenso wenig wie das vor stehendem Publikum als Zugabe geschmetterte Partisanenlied „Bella Ciao“.

Quelle: Krzok Andreas, Holocaustüberlebende Esther Bejarano beeindruckt Schüttorfer in: Grafschafter Nachrichten (2018), Nr. 210, S.23.

Zeitzeugin Esther Bejarano, Zirkusgruppe „CiNS“ und die „Microphone Mafia“ beeindruckten Schüler und Erwachsene in Schüttorf tief.

Zeitzeugin Esther Bejarano, Zirkusgruppe „CiNS“ und die „Microphone Mafia“ beeindruckten Schüler und Erwachsene in Schüttorf tief.

Zeitzeugin Esther Bejarano, Zirkusgruppe „CiNS“ und die „Microphone Mafia“ beeindruckten Schüler und Erwachsene in Schüttorf tief.

Zeitzeugin Esther Bejarano, Zirkusgruppe „CiNS“ und die „Microphone Mafia“ beeindruckten Schüler und Erwachsene in Schüttorf tief.

Zeitzeugin Esther Bejarano, Zirkusgruppe „CiNS“ und die „Microphone Mafia“ beeindruckten Schüler und Erwachsene in Schüttorf tief.

Zeitzeugin Esther Bejarano, Zirkusgruppe „CiNS“ und die „Microphone Mafia“ beeindruckten Schüler und Erwachsene in Schüttorf tief.

Quelle: Krzok Andreas, Holocaustüberlebende Esther Bejarano beeindruckt Schüttorfer in: Grafschafter Nachrichten (2018), Nr. 210, S.23.

 

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